
Ein
Garant für bleibende Erinnerungen
Heinrich
Lay zum 80.Geburtstag
Das
muss man sich erst einmal auf der Zunge zergehen lassen, wenn man dem Gerücht
glauben darf, was sich dieser Tage hartnäckig und unnachgiebig hält.
80 Jahre alt soll er vor ein paar Tagen geworden sein, genauer am 5.Juli. Und
um es gleich vorwegzunehmen: Man sieht ihm - Heinrich Lay - diese überhaupt
nicht an. Auf dem erst vor wenigen Tagen gemachten Photo nicht und schon gar
nicht, wenn man ihm gegenübersteht. Dann
erst recht nicht.
Nun
hat er also dieses bemerkenswerte Alter erreicht, wofür wir ihm hier alle
zusammen herzlichst gratulieren, was aber auch heisst, dass diesem Jubiläum
schon einige mehr vorangegangen sind, seien es die runden Geburtstage oder die
besonderen Ereignisse seines beruflichen Lebens. Mit anderen Worten: Was soll
man über diesen Mann noch schreiben, was nicht schon hier oder andernorts
in Wort und Bild festgehalten wurde?
Wie nähert man sich einem solchen Menschen,
mit dem man zwar persönlich bekannt ist, den man aber kaum kennt, wie man
erstaunt feststellen muss, je länger man darüber nachdenkt und sich
den Kopf zerbricht? Eine reizvolle Aufgabe, auf die ich mich hier einlasse -
nicht wissend, wie und ob ich unbeschadet da wieder herauskomme. Zum Warmwerden
also, bevor ich mich an den Versuch einer Kür heranwage, erst einmal die
vermeintlich leichtere Übung: die Pflicht, im Zeitraffer:
Geboren
wurde Heinrich Lay am 5.Juli 1928 in Sanktandres, wo er auch die Grundschule
besuchte. Danach die weiterführende Schulen in Temesvar mit anschliessendem
Studium in Geschichte in Klausenburg an der dortigen Universität, danach
Lehrer in Lugosch bis 1984. Die Ausreise nach Deutschland erfolgte 1986 mit
einer Zwischenstation in Rosenthal/Hessen und einer Anstellung im Archiv des
Klosters Haina bis zu seiner Pensionierung 1991. Davor, dazwischen, danach,
eigentlich immer schon: schreiben, schreiben, schreiben.
Für
die meisten von uns war er der Lehrer, für ein paar wenige,
Kollege. Ich selber hatte Gelegenheit ihn in beiden Rollen erleben zu dürfen.
Ersteres weil man als Schüler der deutschen Abteilung(en) in Lugosch nicht
umhin konnte, ihm nicht zu begegnen, letzteres durch einen glücklichen
Zufall, in der damaligen Allgemeinschule Nr.6, nach meinem Abitur. Eine aufregende
Zeit, plötzlich und unerwartet mit ihm und einigen anderen meiner ehemaligen
Lehrer durch dasselbe Tor gehen zu dürfen.
Als
Lehrer war er nicht irgendeiner, sondern der, dem auch ein Ruf vorauseilte.
Eine
starke Persönlichkeit ist er bis heute geblieben, eine treibende Kraft,
mit Ecken und Kanten, mit Stärken und Schwächen, durchaus auch mit
einem Hang zum Polarisieren.
Was
konnte man von ihm lernen, ausser Geschichte und all die anderen "Wissenschaften,
die im real existierenden Sozialismus so gelernt werden mussten" ? Vieles
!!
Worin
war und ist er uns Vorbild? Ich darf mir was aussuchen !
Da
wäre zum einen diese Fähigkeit, sich selbst und sein Gegenüber
unermüdlich und zielstrebig für grosse und kleine Aufgaben zu begeistern,
diese Gründlichkeit und Disziplin, mit der er an die Sachen herangeht,
sie plant, durchzieht und zu Ende bringt. Wie er sich das alles erst selbst
abverlangt, bevor er das gelegentlich auch von anderen einfordert. Als Schüler
ist er uns damit gehörig auf die Nerven gegangen, heute wäre so mancher
froh, wenn das Eine oder das Andere "gefruchtet" hätte.
Auffallend
und ansteckend zugleich ist dieser ungestillte Appetit, mit dem er seine Geschichten
erzählt und wie er schliesslich zur Höchstform aufläuft, wenn
er den einen oder anderen Zungenschnalzer an den passenden Stellen im Satzbau
einfügt und geniesst. Hut ab !
Wie
kann man in ein paar wenigen Worten jemanden wie Heinrich Lay umschreiben?
Ein
Garant für bleibende Erinnerungen, im wahrsten Sinne des Wortes.
Damit
kann jeder etwas anfangen, der den Lay kennt, darin findet sich jeder wieder,
der es mit Heinrich Lay einmal zu tun bekommen hat. Punkt.
Was
wären unsere jetzigen Klassentreffen ärmer an Anekdoten, an langen
und kurzen Geschichten, wenn wir als Schüler einen Lehrer wie ihn nicht
gehabt hätten.
Geprägt
sind wir alle, denen er Lehrer gewesen ist, die einen mehr, die anderen weniger
und das gleich in beiderlei Hinsicht, je nachdem, was man bereit oder überhaupt
in der Lage gewesen ist, zu leisten.
Die
besonders Geprägten durften acht (lange) Jahre durch seine Schule gehen.
Oberflächlich
betrachtet gab es drei Kategorien von Schülern: Die 10er-Schüler,
eine vergleichsweise überschaubare Menge, die grosse Masse der "Unauffälligen"
und schliesslich die auch wiederum recht überschaubare Gruppe der "Problemfälle".
Die "Philosophen und Wissenschaftler", wie Heinrich Lay sie zu nennen
pflegte. Eine kleine Schnittmenge der "Unauffälligen" und der
"Problemfälle" waren die "Falotten", ein Begriff von
dem ich nicht weiss, ob nicht auch er ihn geprägt hat. Egal. Es gab' sie
und ihnen schenkte er immer wieder gerne seine besondere Aufmerksamkeit. Es
wurden auch jedes Mal die Unterrichtsstunden zu besonderen Highlights, in denen
Repräsentanten dieser beiden Randgruppen ihre Auftritte hatten, wenn sie
vor die Klasse treten und Kostproben ihres Könnens abliefern durften.
Worüber
hat er nicht alles geschrieben, wo hat er nicht überall seine Spuren hinterlassen
und somit Akzente gesetzt? Wer ihn "googelt" bekommt nur einen Bruchteil
dessen zu sehen, was er alles an Publikationen veröffentlicht hat. Er selber
hat ausschliesslich über andere geschrieben, über sich selber soweit
mir bekannt ist, nie. Über ihn wurde zwar auch viel geschrieben, weitergebracht
hat uns das auch nicht, denn es war der Lay, "nur" aus der Sicht des
jeweiligen Verfassers. Interessant wäre es mit Sicherheit zu erfahren,
wie er sich sieht, sofern er das überhaupt preisgeben möchte. Einer,
der auf ein solch' langes, abwechslungsreiches und arbeitsreiches Leben zurückblicken
darf, jemand, der soviel erlebt hat wie er, aus ihm würde es nur so heraussprudeln,
wenn ihm nur jemand die richtigen Stichworte zuflüstern würde.
Vielleicht
liegt ja in seiner Schreibtischschublade die Mappe ganz oben, in denen er seine
ganz persönlichen Notizen aufbewahrt, seine privaten Aufzeichnungen der
vielen kleinen und grossen Wunder, die das Leben für ihn bereitgehalten
hat.
Die
80 sind also voll(endet) und das nicht einfach so, wie das vielleicht andere
tun, die nach ihrer Berentung erst einmal ihren Ruhestand geniessen, gelegentlich
aber auch in ein tiefes Loch fallen und daraus, wenn überhaupt, nur schwer
wieder herausfinden. Sein Lebenswerk kann sich sehen lassen, er selber kann
stolz darauf sein und all diejenigen erst recht, die ihm nahestehen und ihm
den Rücken freigehalten haben. So wie ich ihn einschätze, hat Heinrich
Lay eher seinen Blick auf das gerichtet, was noch alles zu tun ist und nicht
darauf, was er bereits mit Erfolg zu Ende gebracht hat. Die berühmte Schublade,
die uns schon ganz früh als Schüler magisch angezogen hatte (und die
uns stets verschlossen blieb), weil wir dort unsere Kontroll- und Trimesterarbeiten
vermuteten, die ist gut gefüllt mit Neuem, mit Liegengebliebenem, Gesammeltem
und mit Aufgeschobenem, das darauf wartet, dem geneigten Leser vorgestellt zu
werden. Bis ein Projekt davon abgearbeitet ist, sind bereits zwei weitere Vorhaben
dazugekommen. Ein Rastloser, ein Getriebener, dem man im Grunde genommen nur
eines wünschen kann: die Gesundheit, denn sie bedeutet Zeit. Zeit für
das alles, was er sich noch vorgenommen hat umzusetzen.
Und
so wie wir ihn kennen, wird da noch einiges auf uns zukommen.
Lieber
Herr Lay, bleiben Sie einfach wie sie sind und vor allem uns noch sehr lange
erhalten.
Alles
Gute !!
Bruno Bito